Interview mit Michael Meier, SVGW

M. Meier: «Das Trinkwasser ist nach wie vor von hervorragender Qualität, für die zunehmenden chemischen Verunreinigungen der Ressourcen müssen die Wasserversorgungen aber gemeinsam mit allen beteiligten Akteuren Lösungen finden.» (Pics: zVg/AdobeStock)

09.09.2026
Fery Lipp

«Wir sind Partner aller Akteure»

Der SVGW / Fachverband für Wasser, Gas und Wärme prägt die Schweizer Gebäudetechnikbranche in zentralen Bereichen wie Trinkwasserhygiene, Qualitätssicherung, Zertifizierung sowie Versorgungssicherheit entscheidend mit. Seit Anfang 2025 steht Michael Meier als neuer Geschäftsführer an der Spitze des Verbandes. Im Interview mit dem p+i spricht er über seinen Einstieg beim SVGW, aktuelle Herausforderungen der Branche sowie die zunehmenden Spannungsfelder zwischen Energieeffizienz, Hygieneanforderungen und technischen Entwicklungen.

Michael Meier, Sie stehen seit Anfang 2025 an der Spitze des SVGW - Fachverband für Wasser, Gas und Wärme. Wie haben Sie Ihr erstes Jahr in dieser neuen Funktion erlebt?

Die Wasser-, Gas- und Wärmebranche ist im Umbruch. Das Trinkwasser in der Schweiz ist zwar nach wie vor von hervorragender Qualität, für die zunehmenden chemischen Verunreinigungen der Trinkwasserressourcen – also in Grund- und Oberflächengewässern – müssen die Wasserversorgungen aber gemeinsam mit allen beteiligten Akteuren Lösungen finden.

Die Gasbranche steht vor der Aufgabe, sich zu einer CO2-neutralen Energieversorgung zu transformieren und die Wärmebranche hat im Fernwärmebereich einen gewaltigen Ausbau der Infrastruktur zu bewältigen. Entsprechend war das erste Jahr beim SVGW für mich von grossen, aber auch spannenden Herausforderungen geprägt, die auch unsere Mitglieder und Kunden beschäftigen.

 

Welche Themen oder Herausforderungen haben Sie in den ersten Monaten besonders beschäftigt oder vielleicht auch überrascht?

Die Mitarbeiter der SVGW-Geschäftsstelle aber auch die Milizmitarbeiter aus den Werken halten im Regelwerk die anerkannten Regeln der Technik fest und schaffen damit die Grundlagen für den sicheren und nachhaltigen Betrieb von Wasser-, Gas- und Wärmeversorgungsnetzen. Es steckt unglaublich viel Arbeit hinter diesen Dokumenten und mich hat überrascht, wie wenig von all dieser Arbeit letztlich konkret sichtbar ist. Es ist ein wenig wie mit den Netzen: Die Leitungen sind im Boden verlegt, hinter der Wand versteckt und kaum sichtbar. Die Versorgung ist jederzeit gewährleistet und wir betrachten es als Konsumenten als Selbstverständlichkeit, dass jederzeit qualitativ einwandfreies Trinkwasser aus dem Hahn kommt und die Wohnungen im Winter warm sind. Dabei geht unter, wie viel Arbeit darin steckt, diese Infrastrukturen sicher, störungsfrei und nachhaltig zu betreiben.

Dank der hervorragenden Arbeit der ganzen Branche, von den Versorgungen, über die Hersteller bis hin zu den Planern und Installateuren stellen wir alle gemeinsam eine zuverlässige und sichere Versorgung der Bevölkerung mit Wasser, Gas und Wärme sicher.

 

Der SVGW nimmt in den Bereichen Wasser, Gas und Wärme eine zentrale Rolle ein. Wo sehen Sie derzeit die grössten Herausforderungen für die Branche?

Im Bereich Trinkwasser liegen die grössten Herausforderungen in den zahlreichen Nutzungskonflikten rund um die Trinkwassergewinnung. Siedlungen, Verkehrswege, Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe machen es in der dicht besiedelten Schweiz zunehmend herausfordernd, jederzeit qualitativ einwandfreies Trinkwasser in ausreichender Menge bereitzustellen.

Die Gasversorgung befindet sich in einem Transformationsprozess: weg vom fossilen Erdgas hin zu erneuerbaren Gasen wie Wasserstoff und Biogas. Das ist eine riesige Aufgabe, die auch internationale Zusammenarbeit und politischen Willen erfordert. Das macht es auch für uns anspruchsvoll, da sich die Entwicklungen kaum antizipieren lassen und auch von geopolitischen Faktoren beeinflusst werden. Im Bereich Fernwärme stehen grosse Investitionen an, da vielerorts Wärmenetze mit grossem Tempo ausgebaut werden. Es ist unsere Aufgabe, die Werke dabei zu unterstützen, dass dieser Ausbau sicher und nachhaltig vorangetrieben wird.

 

Das Thema Trinkwasserhygiene hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Welche Entwicklungen beschäftigen den SVGW aktuell besonders?

Für die Werke sind die zunehmenden Verunreinigungen der Trinkwasserressourcen mit chemischen Stoffen, wie den Abbauprodukten von Pflanzenschutzmitteln, Nitrat oder die sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS, eine grosse Herausforderung, die sich nicht einfach mit technischen Massnahmen lösen lassen.

Damit wir auch in Zukunft dieselbe hervorragende Trinkwasserqualität wie heute haben, müssen wir präventiv im Ressourcenschutz aktiver werden. Die Versorgungen sind verpflichtet, die gesetzlichen Anforderungen an Trinkwasser einzuhalten und sie werden dazu auch die notwendigen Lösungen entwickeln. Mikrobiologische Verunreinigungen, wie Bakterien können bereits heute gut mit technischen Mitteln und betrieblichen Massnahmen beherrscht werden. Im Gegensatz zu chemischen Verunreinigungen können Bakterien abgetötet und so unschädlich gemacht werden. Im Versorgungsnetz muss dann aber sichergestellt sein, dass es in der Infrastruktur auf dem Weg bis zur Entnahmestelle nicht zu Verkeimungen kommt.

Die Infrastruktur für die Trinkwasserversorgung ist beachtlich. Allein das Trinkwassernetz in der Schweiz würde aneinandergereiht den Erdball rund zwei Mal umrunden.

Die Infrastruktur für die Trinkwasserversorgung ist beachtlich. Allein das Trinkwassernetz in der Schweiz würde aneinandergereiht den Erdball rund zwei Mal umrunden.

Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel: Gemäss Schätzungen des SVGW liegt der Trinkwasserverbrauch pro Einwohner bei täglich rund 142 Litern. Dusche, Bad und Toilette machen dabei über 50% des Wasserverbrauchs im Privathaushalt aus.

Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel: Gemäss Schätzungen des SVGW liegt der Trinkwasserverbrauch pro Einwohner bei täglich rund 142 Litern. Dusche, Bad und Toilette machen dabei über 50% des Wasserverbrauchs im Privathaushalt aus.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden und technischen Anlagen kontinuierlich. Wo sehen Sie Zielkonflikte zwischen Energieeinsparung und hygienisch sicheren Systemen und wie begegnen Sie denen?

Oft geht vergessen, dass Trinkwasser ein Lebensmittel ist. Es unterliegt wie alle anderen Lebensmittel den Vorgaben des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Da es das wichtigste Lebensmittel ist, sind die Anforderungen besonders streng und das Trinkwasser wird entsprechend regelmässig kontrolliert.

So wie wir mit anderen Lebensmitteln sorgsam umgehen, so sollten wir auch das Trinkwasser behandeln. Es käme kaum jemandem in den Sinn, Hackfleisch tagelang ungekühlt an der Sonne liegen zu lassen, bevor es zu Hamburgern verarbeitet wird. Entsprechend muss auch beim Trinkwasser in der Gebäudeinstallation darauf geachtet werden, dass es so gelagert und transportiert wird, dass es nicht «verdirbt» und sich keine Bakterien in unzulässiger Weise darin ausbreiten können.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die «Verpackung». Hier muss darauf geachtet werden, dass über die Trinkwasserinstallationen keine Chemikalien ins Trinkwasser gelangen können.

 

Welche Auswirkungen haben verschärfte energetische Anforderungen auf die Planung und den Betrieb von Warmwasser- und Zirkulationssystemen und wie wird es weitergehen?

Beim Warmwasser liegt die grösste Herausforderung beim Thema «Legionellen». Die gängige Praxis ist, dass das Wasser im Wassererwärmer auf mindestens 60 °C erwärmt wird, um allfällige Legionellen abzutöten und deren Ausbreitung zu verhindern. Diese 60-Grad-Regel hat sich bisher bewährt.

Allerdings muss dazu auch erwähnt werden, dass wir wenig Kenntnis über die konkreten Ansteckungswege mit Legionellen haben. Bekannt ist, dass eine Ansteckung über das Einatmen von fein verstäubtem Wasser geschieht. Das kann typischerweise beim Duschen geschehen. Wie oft aber die Ansteckung tatsächlich beim Duschen passiert, war eine der vielen Fragen, die im vom BLV und BFE in Auftrag gegebenen LeCo-Projekt untersucht wurden. Die Ergebnisse sind vor Kurzem veröffentlicht worden (www.aramis.admin.ch/Texte/?ProjectID=44708) [vgl. auch Interview mit Dr. Frederik Hammes in p+i 06/25].

Es zeigt sich, dass es äusserst schwierig ist, eine Übereinstimmung zwischen den klinischen Isolaten und den Umweltproben (Haushaltsproben) nachzuweisen. Lediglich in zwei Fällen war dies möglich. Dies weist darauf hin, dass Gebäudeinstallationen in der Schweiz eine Infektionsquelle darstellen können. Jedoch spielen vermutlich andere Quellen ausserhalb von Gebäuden ebenfalls eine wichtige Rolle. Gemäss verschiedener Studien kommen die Legionellen vermehrt in der Peripherie vor. Ebenfalls ist aus Studien bekannt, dass bei 60 °C innerhalb von 2 Minuten rund 90% der Legionellen sterben und nach rund 30 Minuten nahezu alle tot sind. Der in den SVGW-Richtlinien verfolgte Ansatz basiert darauf, möglichst viele oder sogar alle Legionellen im oberen Bereich des Wassererwärmers innert kurzer Zeit abzutöten, damit in den Verteil- und Ausstossleitungen nur noch wenige Legionellen verbleiben.

 

Werden aus Ihrer Sicht in der Praxis heute genügend Fachwissen und Sensibilität im Umgang mit hygienerelevanten Installationen vermittelt?

Wir beobachten, dass in Gebäuden immer häufiger Komponenten und Anlagen verbaut werden, die nicht SVGW-zertifiziert sind. Grundsätzlich ist im Gebäude die Eigentümerschaft für die Trinkwasserqualität verantwortlich. Mit dem SVGW-Zertifikat haben diese die Sicherheit, dass von den Anlagen und Komponenten für die Trinkwasserversorgung im Gebäude keine Gefahren für die Trinkwasserqualität ausgehen.

Für die Wasserversorgung ist insbesondere wichtig, dass über die Anlagen im Gebäude keine Gefahr für das Trinkwassernetz ausgeht, da chemische oder mikrobiologische Verunreinigungen über Rückfluss oder Migration bis ins Versorgungsnetz gelangen und dieses verunreinigen können. Das Fachwissen und die Sensibilität ist bei vielen Fachpersonen vorhanden.

 

Wie kann die Rolle des SVGW in der Qualitätssicherung und Zertifizierung von Produkten, Systemen und Fachkräften weiter gestärkt werden – und wo setzen Sie aktuell die wichtigsten Schwerpunkte - auch im Hinblick auf Arbeitssicherheit in der Praxis?

Zertifikate können dabei helfen, die Trinkwassersicherheit von Produkten und Anlagen zu beurteilen. Grundsätzlich kann jede Organisation Zertifikate ausstellen. Solche Zertifikate stellen private Qualitäts- oder Konformitätsaussagen dar und bescheinigen spezifische Funktionen, Eigenschaften, Qualitäten etc., die die Organisation dem Produkt zuschreibt.

Mit der Akkreditierung durch die schweizerische Akkreditierungsstelle (SAS) wurde dem SVGW die fachliche Kompetenz, Transparenz sowie ein strukturiertes Qualitätsmanagement attestiert, um Produkte und Anlagen zu zertifizieren. Aufgrund der Akkreditierung hat der SVGW bei seinem Zertifizierungsverfahren nicht nur die Anforderungen der ISO/IEC-Norm 17065, sondern auch sämtliche gesetzlichen Vorgaben sowie Anforderungen weiterer Normen und anerkannten Regeln der Technik zu berücksichtigen. Das macht den Zertifizierungsprozess aufwendig und zeitintensiv. Ein grosser Fokus beim SVGW liegt entsprechend darauf, diesen Prozess zu beschleunigen, ohne aber bei der Qualität Abstriche zu machen, denn letztlich geht es um die Gesundheit der Konsumenten.

 

Im Bereich Trinkwassernachbehandlung und Enthärtungsanlagen sind derzeit verschiedene technische und regulatorische Entwicklungen zu beobachten. Wo sieht der SVGW hier besonderen Handlungs- oder Informationsbedarf?

Das Trinkwasser in der Schweiz ist wie bereits erwähnt nach wie vor von hervorragender Qualität und kann bedenkenlos konsumiert werden. Es muss strenge Vorgaben des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) erfüllen, damit es an die Konsumenten abgegeben werden darf. Es ist zudem eines der am besten kontrollierten Lebensmitteln hierzulande.

In Bezug auf die Wasserhärte kann es sinnvoll sein, eine Enthärtung im Gebäude zu installieren, um das Verkalken von Haushaltsgeräten zu vermeiden. Aus gesundheitlicher Perspektive ist hartes Wasser bedenkenlos. Wir beurteilen bei Enthärtungsanlagen nicht ihre Effektivität, sondern lediglich, ob die Trinkwassersicherheit gewährleistet ist. Generell sollten die Konsumenten darauf hingewiesen werden, dass Trinkwassernachbehandlungsanlagen im Gebäude verkeimen können und dann eine gesundheitliche Gefahr darstellen. Es ist daher wichtig, dass solche Anlagen regelmässig gewartet und in Stand gehalten werden.

 

Welche Botschaft möchten Sie Planern, Installationsbetrieben und Fachleuten der Gebäudetechnikbranche mit auf den Weg geben?

Trinkwasser ist unser wichtigstes Lebensmittel und warme Wohnungen weit mehr als ein reiner Komfort. Die ganze Branche stellt gemeinsam sicher, dass im Siedlungsgebiet die Bevölkerung in der Schweiz jederzeit qualitativ einwandfreies Trinkwasser zur Verfügung hat und unsere Wohnungen beheizt sind. Das ist eine wichtige und sinnstiftende Arbeit.

Wir als SVGW verstehen uns dabei als Partner aller Akteure. Zwar machen wir Vorgaben, die eingehalten werden sollten. Wir tun dies, damit die Sicherheit gewährleistet ist und wir nicht vom Staat kontrolliert werden müssen und wir uns selbst regulieren können. Wir arbeiten dazu mit den Branchen zusammen.

Gemeinsam mit den Fachpersonen aus den Werken, den Ingenieurbüros oder Installationsbetrieben halten wir im Regelwerk die anerkannten Regeln der Technik fest. Meine Botschaft ist: «Engagieren auch Sie sich beim SVGW! Wir sind auf Praxiswissen angewiesen, damit unsere Vorgaben nicht nur die Sicherheit gewährleisten, sondern in der täglichen Arbeit auch sinnvoll umgesetzt werden können.»

 


 

 

Zur Person

Michael Meier, seit 2025 Direktor des SVGW, studierte an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften mit Schwerpunkten in den Bereichen Wasser, Mikrobiologie und erneuerbare Energien. Ergänzend dazu absolvierte er Weiterbildungen an der PHW Zürich (MSc Wirtschaftsingenieur FH) und an der University of Strathclyde Glasgow (Executive MBA).

Als Geschäftsführer von Länderorganisationen und KMU im Wasser- und Umweltsektor bringt Michael Meier langjährige Erfahrung in der Führung von Organisationen und eine umfangreiche Expertise mit. Bevor er seine aktuelle Position als Direktor des SVGW angetreten hat, war er als Geschäftsführer der Bioexam AG in Luzern tätig, einem mikrobiologischen/chemischen Labor für Lebensmittel und Heilmittel sowie für Hygieneuntersuchungen u. a. in den Bereichen Wasser und Luft.

 

Der vollständige Beitrag ist in p+i 04/26 erschienen


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