

Die beiden Mehrfamilienhäuser erregen Aufmerksamkeit durch ihre dreidimensionale, wabenförmige Metallbekleidung.
Manuel Pestalozzi, Stephan Muntwyler, VDSS / Bilder: Carl Meier Sohn AG / PW
Zusammengesteckte Metallbekleidung
Durch Kantungen wird ein Blech selbsttragend und dreidimensional. Dies machte man sich bei der Fassade von zwei Mehrfamilienhäusern in der Stadt Zürich zunutze. Die beiden Ersatzneubauten erhielten ein Kleid aus kleinformatigen, gekanteten sechseckigen Blechen. Diese wurden weder geschuppt noch stumpf gestossen, sondern ineinandergesteckt. (Rückblende «Goldene Spenglerarbeit 2024» / Objekt Nr. 9)
Die Wehntalerstrasse ist eine Ausfallstrasse, die in Zürich auf der Anhöhe des Milchbucks zwischen dem Limmat- und dem Glatttal beginnt und durch den Stadtteil Affoltern ins Furttal nach Regensdorf führt. Die beiden Ersatzneubauten befinden sich am Anfang der Strasse zwischen zwei stark frequentierten Kreuzungen. Früher stand auf dem Grundstück eine Autogarage und der Spenglerbetrieb von Carl Meier Sohn AG. Dank der revidierten Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich konnten auf der schlanken, tiefen Parzelle zwei fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 14 Wohnungen entstehen. Während das Haus an der Strasse studioartige Kleinwohnungen bietet, werden im rückwärtigen Haus im Garten grössere Einheiten mit durchgesteckten Wohnräumen zur Miete angeboten. Im Inneren ergänzen Bodenbeläge aus Holz und Einbauten die roh belassenen Betonwände.
Dreidimensionale Hexagone
Die Metallfassade, welche die beiden Gebäude bekleidet, ist dreidimensional und wirkt textilartig wie ein Strickpullover oder ein Kettenhemd. Es handelt sich um eine parametrische Bekleidung, eine Eigenentwicklung von Carl Meier Sohn AG. Sie will damit zum Ausdruck bringen, dass die Digitalisierung das traditionelle Spenglerhandwerk nicht verdrängt, sondern ergänzt. Vielmehr werden die neuen Möglichkeiten und Werkzeuge als Chance genutzt,
das traditionelle Spenglerhandwerk auf neue und aufregende Weise voranbringen zu können.
Die ungewöhnliche Gebäudehülle basiert auf Sechseck-Blechzuschnitten, bestehend aus Titanzink der Marke VMZinc in den Farben Pigmento Green und Grey. Die parametrischen Bleche sind in der vertikalen Achse, also längs, gekantet. Dank vertikaler Schlitze, welche oben und unten angebracht sind, liessen sich die einzelnen Teile überlappend zusammenstecken. Das System wurde «Parafa» getauft, eine künstlerische Abkürzung von «parametrischer Fabrikation». Die «Parafen», also die einzelnen Blechteile, bestehen aus 82 unterschiedlichen Zuschnitten. Der Fassaden-Bausatz erlaubte es, dass sich die Metallbekleidung auch um die Ecken der Gebäude ziehen liess.
Anspruchsvoller Planungsprozess
Eine auf Industriedesign und Architektur spezialisierte Firma, die VektorNode Design AG, betreute Carl Meier Sohn AG bei allen Projektphasen, von der Planung über die Erstellung der detaillierten 3D-Modelle, Detailzeichnungen und Konstruktionskonzepte bis hin zu den Fertigungsplänen. Unter anderem entwickelten sie einen Algorithmus für die Generierung der «Spezial-Parafen», etwa für Fensteranschlüsse, sowie einen Algorithmus für die Erstellung
der ganzen Unterkonstruktion, welche genau auf jede einzelne «Parafa» abgestimmt ist. VektorNode erstellte auch die Produktionsdateien für die Laser- und Biegemaschinen.
Für die Carl Meier Sohn AG war die Realisierung eine positive Erfahrung. Sie gab dem Unternehmen die Gewissheit: Ohne den Spengler geht es nicht! Fachwissen und Erfahrung waren entscheidend, damit die Fassaden technisch korrekt geplant und handwerklich gut umgesetzt wurden. Ein Quadratmeter erfordert 17 Blechteile und die Spengler haben schlussendlich jedes der 14’064 individuellen Metall-«Parafen» in der eigenen Werkstatt fertigen und später montieren können.
Kommentar Jury
Der Neubau der zwei kubischen Mehrfamilienhäuser in Zürich ist ein architektonisches Meisterwerk, das den städtischen Raum bereichert. Die Verwendung von lasiertem Titanzink für die Fassadengestaltung in zwei unterschiedlichen Farben ist eine mutige und kreative Entscheidung, die den Gebäuden eine faszinierende, ganz neue Ästhetik verleiht. Die Fassadenbekleidung, die aus kleinformatigen, langgezogenen und ineinander gesteckten Waben besteht, ist eine echte, noch nie gesehene Neuheit. Die Verwendung von 3D-Modellen zur Gestaltung dieser Fassadenstruktur zeigt das hohe Mass an Innovation und Technologie, das in das Projekt eingeflossen ist. Das Spiel von Licht und Farbe, das durch die Wabenstruktur im Look eines «Kettenhemdes» erzeugt wird, verleiht dem Gebäude eine dynamische und lebendige Erscheinung. Die Bekleidung reagiert auf die sich verändernden Lichtverhältnisse im Laufe des Tages und schafft eine einzigartige visuelle Wirkung. Dieses Projekt ist nicht nur ein Hingucker in der Zürcher Architekturszene, sondern auch ein inspirierendes Beispiel dafür, wie Kreativität und Innovation von Spenglermeistern den städtischen Raum bereichern können.
Bautafel
Objekt: Neubau Überbauung MFH, Zürich
Konstruktion: Hinterlüftete Metallbekleidung
Werkstoff: Titanzink VMZinc Pigmento Green und Grey
Bauherrschaft: Roger Meier, 8044 Gockhausen
Spengler: Carl Meier Sohn AG, 8303 Bassersdorf
Industriedesign und Parametrisierung: VektorNode Computational Design AG, 5603 Staufen
Architekten: Menzi Bürgler Kuithan Architekten AG, 8045 Zürich
«Goldene Spenglerarbeit 2024 – Der Film», Präsentation aller 22 Bauobjekte (22 Min.)




